Ausrüstungsbeschaffung Netz (Rete) für den Retiarius

Am Anfang der Darstellung steht die Frage – woher bekomme ich was? Wie die meisten, sind wir bei der Retiarius-Darstellung bei AER gestartet.

Dort haben wir eine tolle Basisausstattung zu einem sehr einsteigerfreundlichen Preis erhalten (vgl. Abb. 1). Wenn man aber die Maschenweite von 25cm mit den Ausführungen von Marcus Junkelmann in „Gladiatoren Das Spiel mit dem Tod“ S.94f [2] abgleicht, stellen wir fest, dass dort Maschenweiten zwischen 10 und 20cm erprobt und für funktional befunden wurden. Das Material Hanf und der Netzdurchmesser mit 3,5m wird vom AER-Netz eingehalten aber es ist entgegen den Ausführungen von Junkelmann eckig. Hier ergeben unsere eigenen Bildauswertungen, dass sowohl runde als auch eckige Netze verwendet wurden. Für Neugierige sei die Seite 22 der Retiarier-Übersicht von Gregor Barth [5] empfohlen.
Dort sieht man wunderbar beide Netzformen nebeneinander. (vgl. Abb.2)

Abbildung 1: Retiarierausrüstung Pullus 2015
Abbildung 2: Netzformen Übersicht Retiarius

Da wir noch drei der AER-Netze haben, machten wir uns auf die Suche nach einem Netzmacher der uns ein rundes Netz herstellen könnte. Das gestaltete sich über Jahre als extrem schwierig und ich bekam bis 2020 kein seriöses Angebot auf den Tisch. Aber bei einer anderen Recherche stießen wir im Junkelmann auf S.95 auf seine alte Bezugsquelle. Die Firma Renate Heberle in Altusried. Nach der Kontaktaufnahme entspann sich ein interessantes Fachgespräch, mit dem Fachhandwerker einer inzwischen seltenen Zunft. Im Ergebnis wurden Netzmuster aus zwei Materialien angefertigt, Hanf und Jute.(vgl. Abb. 3) Beide Werkstoffe fanden für Fischernetze im alten Rom Verwendung. (vgl. Bekker-Nielsen-Ancient_Nets_and_Fishing_Gear S.65f „… Netze mehrheitlich Hanf, obwohl auch Jute, Flachs, Leinen und Holzfasern vorkamen…“ [1]).

Hier haben wir die Knotentechnik außen vor gelassen da sie durch die extrem dünne Fundlage von Netzen allgemein und bei Gladiatoren im Speziellen hochspekulativ wäre (ein dies illustrierendes Bild gibt es im obigen Buch auf Seite 54 und S.62 [1]). Selbst der verkohlte Netzfund aus Herculaneum wurde eher der Fischerei als der Gladiatur zugeordnet (vgl.Junkelmann S. 201 [2]). Wer hier experimentieren möchte, dem sei die Abbildung 4 ans Herz gelegt. Wir haben für dieses netz einen einfachen Fischerknoten genutzt.

Abbildung 3 Netzmuster Jute 3mm/Hanf 4mm 15cm Maschenweite
Abbildung 4, Fischernetzknoten: A: Sprang Technik, B and C: primitives knotenloses Knüpfen (nach Seiler Baldinger), D: Palaphitisches Netz, E: «cow hitch Knoten», F: Riffknoten; G: Weberknoten

Nachdem nun Größe, Form und Material bestimmt waren, mussten wir uns noch auf die Materialstärke festlegen. Dort finden wir auf S.56f vom Bekker [1] nur den Hinweis, dass die Netzstärke mit dem Einsatzzweck korreliert und laut Homer (Il. 5.487: aphisi linou halonte panagrou) ein weit geknüpftes Netz, welches alle fängt ist. Laut Junkelmann wiegt das Netz ca. 1,5kg und hatte Bleigewichte. Aus der Tabelle 1 kann man sehr schön sehen, dass 9m² Netz in rund mit 6mm Seildicke (51m*0,018kg/m) ca. 1kg wiegen würden; 3,57kg bei 10mm. Die Zugbelastung sollte der menschlichen Kraft ähneln, da der Einsatzzweck ja bekannt ist. Die Handkraft nach der Studie von Nadja Schreiber [4] liegt zwischen 45 und 60kg. Also muss die Seilstärke bei sechs (mit Bleigewichten) bis 8mm liegen, wenn Junkelmanns Gewichtsangabe korrekt ist.

Tabelle 1: Seileigenschaften bei 3m Netz mit 15cm Maschengröße ohne Bleigewichte

Wir testen also eine Variante mit 6mm und eine Variante mit 8mm Seilstärke. Das 6er-Seil wird mit einzelnen Bleigewichten beschwert um das Zielgewicht zu erreichen, beim 8er wird nur die äußerste Masche mit Bleischnur versehen um die Öffnungseigenschaften zu optimieren. Das Netz in der fertigen Version hat ein Gewicht von 3,7kg bei 6mm Seilstärke und je einem Bleigewicht in jeder Masche.

Da einige, frühe Darstellungen ein Rückholseil zeigen, werden wir beide Netze mit eben einem solchen ausstatten um Vor- und Nachteil zu bewerten. Bei Nichtnutzung kann es eingeknotet oder abgeschnitten werden.

Abbildung 5: Negativbild Chrysippus-Kelch Protoretiarius

Die Wurfeigenschaften des Rundnetzes unterscheiden sich massiv von denen eines eckigen Netzes. Wir haben verschiedene Wurftechniken ausprobiert und als praktikabelste stellten sich ein einfacher Rand-Mittelgriff oder für kürzere Retiarii, ein Dreifachgriff um den Netzüberhang an die Körpergröße anzupassen, dar. Hier wird noch weiter getestet, jedoch kann man mit dem Halten des äußeren Randes zwischen kurzem und langem Wurf ansatzlos variieren. Das Rundnetz entfaltet sich sehr leicht und hat die angenehme Eigenschaft, nicht zu verheddern. Das ermöglicht eine Wiederaufnahme und einen sauberen Nachwurf.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich diese erste Variante als nahezu perfekt für einen 1,88m großen, mittelkräftigen Retiarius herausgestellt hat aber auch von 1,68m Retiarii benutzbar ist.

Abbildung 6: Netzwurf kurz
Abbildung 7: Netzwurf lang

Als Abschluss wollen wir euch nur noch einige Kuriosums aus dieser Recherche mitgeben:

1. Spielplatznetze in Deutschland haben eine zulässige Maschengröße bis 10cm oder ab 25cm (Sicherheitsaspekte)– der Retiarius, mit der Maschengröße in der Mitte, ist also auch gemäß deutscher Norm ein Menschenfänger.

2. Seile aus Jute dürfen nicht bei der Sicherung von Schwertransporten verwendet werden. – daher auch ungeeignet für den Einsatz gegen Secutoren

3. Inschrift aus Pompeii, welche die Handkraftthese unterstützt: „Crescens retiarius puparum nocturnarum“ (Crescens, der nachts mit seinem Netz die Puppen fängt)

Valete euer Pullus

Quellen:

[1] T. Bekker-Nielsen & D. B. Casasola: „Ancient nets and fishing gear“. In: Servicio de Publicaciones de la Universidad de Cádiz (Hrsg.): Proceedings of the international workshop on ‚Nets and fishing gear in classical antquitiy: a first approach‘ (2007)

[2] M. Junkelmann: „Gladiatoren: Das Spiel mit dem Tod“ (2008) ISBN: 978-3805337977

[3] DIN-EN 1261 alt DIN 83325 Faserseile für allgemeine Verwendung – Hanf; Deutsche Fassung EN 1261:1995

[4] Richtwerte wurden Im Fachmagazin „Plos one“ veröffentlicht. Sie basieren auf einer Studie der Soziologin Nadja Schreiber, Universität Wien

[5] Herkunft und Werdegang des Retiarius von Gregor Barth, veröffentlicht auf http://www.gladiatorenschule-berlin.de